Video-Rezension: Das Bildnis des Dorian Gray

Skript:

Mein erster Kontakt mit Sean Connery war nicht James Bond, auch nicht Indiana Jones – sondern dieser Film: „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, ein Steampunk-Abenteuer aus dem Jahr 2003, das alle möglichen Gestalten der englischsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts zu einem Superheldenteam versammelt …

Während Sean Connery den Titel „Sexiest Man Alive“ nur einmal im Jahr 1989 gewann, hätte der junge Mann auf dem Filmposter über ihm – hätte es die Auszeichnung im 19. Jahrhundert schon gegeben – wohl mehrere Jahre in Folge gewonnen.

Wenn ihr euch jetzt fragt: Was zur Hölle? Dann kann ich nur sagen, willkommen auf meinem Kanal Geschichtenhort, wo die Einleitungen Achterbahnfahrten an Querverbindungen sind und die Themen alles, was an der Schnittstelle von Phantastik und Geschichte liegt. Heute mit einer Buchreview zu: „Das Bildnis des Dorian Gray“.

„Das Bildnis des Dorian Gray“ ist der einzige Roman, den Oscar Wilde in seinem nur 46 Jahre kurzen Leben verfasste – und einer DER Klassiker der Horrorliteratur. Der grundlegende Plot des Romans ist wahrscheinlich den meisten bekannt. Der junge Schönling Dorian Gray legt, anstatt selbst zu altern, diese Bürde auf mysteriöse Weise seinem gemalten Abbild auf. Das hat allerdings Konsequenzen für ihn und sein Umfeld.

Aber mit Klassikern ist es immer so eine Sache … Sie sind für das Publikum einer anderen Zeitepoche geschrieben, für uns daher oft sperrig und schwer zu lesen.

Auch bei Dorian Gray ist das der Fall – zumindest hatte ich diesen Verdacht auf den ersten 100 Seiten. Kapitelweise reiht sich Dialog an Dialog, Lebensansichten werden ausgetauscht, Charaktere lang und breit beschrieben, die danach nie wieder auftauchen. Im Nachhinein gebe ich aber zu, dass diese Durststrecke notwendig ist, um die Dorian und seine zwei Mentoren – sowie deren Weltbilder – kennenzulernen.

Denn die Auseinandersetzung zwischen dem Maler Basil Hallward, von dem das verhängnisvolle Porträt stammt, und dem Lebemann Lord Henry Wotton, die grundsätzlich verschiedene Lebensphilosophien haben und Dorian von der jeweils ihren überzeugen wollen, ist essenziel für den Roman. Der Konflikt zwischen Hedonismus und Mäßigung zieht sich vom ersten Dialog an durch die gesamte Geschichte und wird immer wieder neu verhandelt.

Das klingt vielleicht im ersten Moment nach trockener Philosophievorlesung, nimmt aber im Verlauf des Buches erstaunlich spannende Auswüchse an. Und auch wenn es am Anfang recht offensichtlich scheint, für welche Seite sich Dorian entscheiden wird, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Die philosophischen Debatten erklären also, warum Dorian Gray als Klassiker gilt. Aber Horror?

Zugegeben, die phantastischen Elemente des Romans beschränken sich auf das, was ich auch schon in der Ein-Satz-Zusammenfassung genannt habe. Dorian altert nicht, das Bild schon – und auch gewisse Veränderungen in Dorians Innenleben machen sich auf der Leinwand bemerkbar … Was hinter dem Mysterium des Porträts steckt, wird im gesamten Handlungsverlauf nicht verraten. Allerdings – und das fand ich durchaus faszinierend – versuchen die Charaktere zumindest, sich die Sache wissenschaftlich zu erklären. So rückschrittlich das 19. Jahrhundert in vielen Aspekten noch war, rationalisieren wollte man unerklärliche Phänomene schon damals gerne.

Womit wir auch schon beim Setting wären: Der Roman spielt Ende des 19. Jahrhunderts. Für uns eine vergangene Zeitepoche, für Oscar Wilde jedoch Lebensrealität. Und so bietet sich uns ein spannender Einblick ins Viktorianische England – oder zumindest auf dessen subjektives Abbild, das Wilde an seine Leser weitergeben will. Zugegebenermaßen beschränkt sich der Roman dabei – größtenteils – auf die Welt der gehobenen Gesellschaftsschichten. Nicht dass Wilde mit deren Lebensstil immer einverstanden wäre – durch seine Charaktere kritisiert er seine Zeitgenossen häufig, und das zu lesen macht immer wieder Spaß.

Noch ein paar Sätze zum titelgebenden Dorian: Zu Beginn ein eindimensionaler Schönling, entwickelt er sich im Lauf der Geschichte zu einer erstaunlich vielschichtigen Persönlichkeit, in deren Innenleben wir tief eintauchen. Seine Handlungen sind stets nachvollziehbar – auch wenn er uns definitiv nicht immer sympathisch erscheint.

Insgesamt ist das „Bildnis des Dorian Gray“ eine interessante Charakterstudie, die Philosophien gegeneinander abwägt und dabei Charaktere in einen unentrinnbaren Strudel mit tragischem Ende reißt. Der Roman ist definitiv kein Pageturner – dazu sind zu viele langatmige Passagen dabei –, aber das Durchhalten lohnt sich. Zumal das Buch weniger als 300 Seiten umfasst. Ich empfehle es daher allen, die einen Einblick ins viktorianisch-gotische England erhaschen und dabei einen Hauch vom Horror des Ungewissen erleben wollen – und ein bisschen Durchhaltevermögen mitbringen.

Am Ende noch ein kleiner Tipp: Wenn ihr das „Bildnis des Dorian Gray“ zum kleinen Preis kaufen und dabei noch einige Horrorklassiker obendrauf erhalten wollt, empfehle ich die Bücherbox „Die Gruselklassiker der Weltliteratur“ aus dem Anaconda-Verlag. Darin sind außerdem „Dracula“, „Frankenstein“ und „Dr Jekyll und Mr Hyde“ enthalten. Wer ein bisschen mitdenkt, könnte also schon erahnen, welche Reviews ich in Zukunft noch machen werde …

(am 21. Januar 2022 auf YouTube veröffentlicht)

Bewertung:
4/5

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