Rezension: Dragonheart

„Dragonheart“ beginnt mit der Einblendung der Jahreszahl „984 AD“. Ein Historienfilm also? Nein – denn obwohl der 1996 erschienene Film des Regisseurs Rob Cohen uns römische Kastelle und Sachsenkönige vorführt, handelt es sich hierbei durch und durch um Fantasy.

Im Zentrum der Geschichte stehen Prinz Einon und sein ritterlicher Lehrmeister Bowen. Ersterer wird bei einem Bauernaufstand schwer verwundet. Vor dem Tod kann ihn nur das halbe Herz eines Drachens retten. Zum Glück sind Drachen in dieser Version des Frühmittelalters häufiger zu finden als in unserer – und so finden wir auch nach einem Zeitsprung von 12 Jahren noch einen quicklebendigen, drachenbeherzten König Einon vor. Der ist aber nicht gerade der ideale Herrscher …

„Dragonheart“ mischt die klassischen Archetypen der Fantasy nämlich gehörig durch. Der auserwählte Königssohn avanciert nicht zum gütigen, leicht naiven Helden, sondern – was irgendwie plausibler scheint – zum Tyrannen. Sein Mentor Bowen muss nicht den Opfertod sterben; stattdessen wird er in die Rolle des Protagonisten forciert. Und die weibliche Hauptrolle ist nicht bloß die „Jungfer in Nöten“, sondern darf selbstbestimmt für sich einstehen (was heute vielleicht selbstverständlich scheint, aber immerhin reden wir hier von einem Film aus den 90ern).

Nicht unterschlagen werden darf natürlich das Highlight des Casts: der weise und (trotz halbem Herz) herzallerliebste Drache Draco, im Englischen von Sir Sean Connery, im Deutschen von Mario Adorf gesprochen.

Visuell punktet der Film mit hübschen Sets und Landschaftsaufnahmen, die ein anheimelndes Pseudo-Mittelalter heraufbeschworen. Weniger gut gealtert ist dagegen das CGI der Drachen, an das man sich aber gewöhnen kann.

Insgesamt bietet „Dragonheart“ eine runde Fantasy-Erfahrung, die mit viel Humor und einer locker-leichten Erzählweise punktet und zudem eine gute Balance zwischen Wohlfühlkino und Kitsch-Vermeidung trifft. Bahnbrechend Neues oder gar Tiefgründiges erzählt der Film jedoch trotz seiner abgewandelten Archetypen nicht. (Dafür macht Professor Lupin Lucius Malfoy fertig … also eigentlich 5/5 Sternen.)

(zuerst am 9. Mai 2022 auf Instagram veröffentlicht)

Bewertung:
3.5/5

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