Rezension: Der letzte Wunsch

Nach über 2400 Romanseiten und 250 Gaming-Stunden, die ich in Andrzej Sapkowskis Hexer-Welt verbracht hatte, bezweifelte ich, dass mir der Kurzgeschichtenband „Der letzte Wunsch“, der zeitlich vor allen anderen Erzählungen über Monsterjäger Geralt spielt, noch etwas Neues erzählen könnte. Ich hätte nicht falscher liegen können.

Eingebunden in eine Rahmenhandlung versammelt „Der letzte Wunsch“ die frühesten Hexer-Geschichten, die Sapkowski verfasst hat. Im Zentrum steht Geralt, seines Zeichens mürrischer Schwertmeister mit philosophischer Neigung und einem Herz für die Monster, die zu jagen er bezahlt wird. Im Gegensatz zu den späteren Romanen bleibt die Erzählperspektive eisern an seiner rauen Schale kleben.

Die Kurzgeschichten basieren auf Märchen, sind aber durch Zynismus, osteuropäische Folklore und intelligente Dialoge so verändert, dass die Originale teils kaum zu erkennen sind. Naive Märchenmoral wird von Sapkowski regelrecht auseinandergenommen. Stattdessen diskutiert Geralt – nicht so wortkarg wie in den Spielen – mit seinen Gegenübern über Ethik und Moral. Langweilig wird das nie, da gleichzeitig für genug Schwert-Action und intrigengeladene Spannung gesorgt ist.

Dazu tragen die vielschichtigen (Neben-)Charaktere bei. Selten weist deren äußerer Schein auf ihr Inneres hin, und selbst hinter den scheinbar ruchlosesten Schurken verbergen sich nachvollziehbare Motive. Das Personal wird von Geschichte zu Geschichte stets ausgewechselt. Wer von Geralts Verbündeten und Widersachern das mit Klingen und Hexerzeichen ausgetragene Finale überlebt, bleibt also bis zur letzten Seite ungewiss. Auch einige aus den Romanen und Spielen bekannte Figuren machen ihren ersten Auftritt: Geralt läuft Rittersporn, König Foltest und Ciris Großmutter Calanthe über den Weg, wir dürfen sogar Zeuge seines ersten Rendezvous mit Yennefer werden (Spoiler: es verläuft recht kompliziert).

Für Fans der Spiele und Romane dient „Der letzte Wunsch“ daher als spannender Rückblick auf Geralts früheste Abenteuer, die in späteren Werken regelmäßig referenziert werden. Auch Neueinsteiger*innen kommen auf ihre Kosten – solange sie mit dem Anthologieformat zurechtkommen. Denn „Der letzte Wunsch“ bleibt ein Kurzgeschichtenband, der weniger von einer übergreifenden Handlung als vielmehr von Geralts Charakterentwicklung zusammengehalten wird.

Bewertung:
4.5/5

Neueste Beiträge

Rezension: Das Bildnis des Dorian Gray (Film von 2009)

Filmadaptionen sind eine Herausforderung. Soll man der Vorlage sklavisch folgen? Oder Anpassungen vornehmen? Die Verfilmung von „Das Bildnis des Dorian Gray“ tut beides – und erweist sich weder als werksgetreue Umsetzung von Oscar Wildes Klassiker noch als spannende Neuinterpretation.

Weiterlesen »

Rezension: Heldenpicknick – Oder: Warum funktionieren Actual-Play-Podcasts?

Interaktivität, Auswürfeln, soziales Zusammenkommen – all diese Aspekte fallen weg, wenn man Pen & Paper ins Podcast-Format überträgt. Die Rezipierenden werden in eine passive Rolle zurückgedrängt. Warum solche Actual Plays trotzdem funktionieren, zeige ich am Beispiel des „Heldenpicknicks“, einem P&P-Podcast in der Fantasy-Welt des „Schwarzen Auges“.

Weiterlesen »

Rezension: Tomb Raider Underworld

„Underworld“ kündigte sich in seinem Teaser-Trailer mit einem Knall an: Untermalt von Mozarts „Lacrimosa“ zerfetzt eine Explosion die Croft-Villa, Heimstatt und Missionsbasis unserer Heldin Lara. Doch aufgrund enttäuschender Verkaufszahlen sollte die Hauptreihe im Anschluss fünf Jahre ruhen. Versteckt sich hinter „Underworld“ ein verschmähtes Meisterwerk?

Weiterlesen »

Schreibe einen Kommentar