„Was macht das Schreiben?“, ist die gängigste Smalltalk-Frage bei Treffen der Münchner Schreiberlinge. „Joa“, ist meine gängigste Antwort. Im Vergleich zum Vorjahr waren es 2025 optimistischere „Joa“s: Ich habe ein neues Romanprojekt begonnen, außerdem einen Artikel bei Perspective Daily veröffentlicht, für den ich tatsächlich bezahlt wurde!
Und der bewusstere Medienkonsum, den ich 2024 zum Ziel erkoren habe? Macht Fortschritte. Meine Watchlists sind teilentleert, im Regal stehen haufenweise ungelesene Bücher. Aber: Inzwischen sehe ich diese wartenden Geschichten nicht mehr als Bürde – sondern als Potenzial, das ich wahrnehmen kann, wann und wenn ich will.
Wichtiges Werkzeug, Fiktion und Information gewinnbringend aufzunehmen, ist mein Medientagebuch. Dort notiere ich (fast) alles, was ich lese, schaue, höre, spiele. Festgehalten werden Details der Handlung, Informationskrumen, schöne Zitate, meine Fragen, Anmerkungen, Gefühle, mal ausführlicher, mal knapp. Das Erfahrene prägt sich dadurch stärker ein, ich merke, was den Aufwand lohnt.
Inhaltsübersicht
- David Lynch/Mark Frost: Twin Peaks (TV-Serie, 2017)
- Suzanne Lipsett: Surviving a Writer’s Life (Autobiographie, 1994)
- Tomm Moore/Nora Tworney: The Secret of Kells (Film, 2009)
- Alt Shift X: All Tomorrows: the future of humanity? (Video, 2021)
- Guillermo del Toro: El laberinto del fauno (Film, 2006)
- Madeline Miller: Circe (Roman, 2018)
- Ehrennennungen
Außerdem bleiben meine spontanen Gedanken erhalten – auf Papier, wenn sie im Gedächtnis erloschen sind. Äußerst praktisch, wenn man einen Jahresrückblick mit seinen Lieblingsgeschichten verfassen will …
Den gibt es jetzt, Ausgabe Nr. 2, tadaa, bunt gemischt in Medienart und Genre, die genannten Geschichten veröffentlicht zwischen den 1940ern und letztem Herbst. Ich habe sie allesamt 2025 kennengelernt. Lasst mich euch von ihrer Wirkmacht überzeugen!
David Lynch/Mark Frost: Twin Peaks (TV-Serie, 2017)
Den Anfang macht keine Überraschung. 2024 habe ich die ersten beiden Staffeln von David Lynchs Serienwerk gepriesen (und dabei den Beitrag von Mark Frost unterschlagen) – nun ist die späte Fortsetzung an der Reihe.
Die „Twin Peaks“-Serie der 90er Jahre endete mit einem Cliffhanger. Ein Film namens „Fire Walk with Me“ von 1992 stellte mehr Fragen, als er beantwortete. Die dritte Staffel setzt – im fiktiven Erzähluniversum wie in unserer Zeitrechnung – nach einer Pause von einem Vierteljahrhundert ein.
FBI-Agent Dale Cooper, Sympathieträger und Protagonist der Serie, kehrt zurück. In veränderter Form. Die dritte Staffel führt ihn – nach einer Weile – wieder ins Grenzstädtchen Twin Peaks. Den Kriminalfall als zentrales Handlungselement lässt die Serie allerdings hinter sich.
Eine tragende Säule behält sie dagegen: „Twin Peaks“ zeichnet Sozialpanoramen, die sich mosaikartig aus den Geschichten einzelner Charaktere zusammensetzen. Die dritte Staffel überwindet dabei die Grenzen von Twin Peaks. Lynch erkundet verschiedene Facetten der Vereinigten Staaten: Anonymität und Stahlbeton der Großstadt, das staubige Umland von Las Vegas, Wohnwagen-Siedlungen, spießige Vorstädte.
Zahlreiche ihrer Bewohner*innen tummeln sich auf dem TV-Bildschirm. Sie kreuzen Coopers Wege oder werden seiner Reise entgegengeschnitten. Darunter altbekannte Gesichter, in 25 Jahren oft erschreckend gealtert, mal weiterentwickelt, mal zu nah am früheren Ich. Dann Neuschöpfungen, die sich mit ihrer Verschrobenheit nahtlos in den Twin-Peaks-Kosmos einfügen. Ihre Namen vergisst man, ihre Attribute nicht: den kleinwüchsigen Meuchelmörder, die mafiösen Zwillinge, die resolute Familienmutter, die verirrte, fast verlorene Drogenseele. Schließlich Schemen: Sie nehmen kaum eine Szene ein und hinterlassen doch Eindruck. Wie der „Hit and Run Boy“.
Das andere Kernelement sind Dämonen. Mitten im Alltag. Lynch und Frost spannen eine verwirrende, verstörende, verzaubernde moderne Mythologie auf. Statt Tempelsäulen Zapfsäulen, statt Engelsklängen das Surren von Stromleitungen. Fremde Wesenheiten tauchen auf. Götter? Aliens? Bleibt interpretationsoffen. Die Protagonist*innen gehen ihren Rätseln nach. Klare Antworten finden sie nicht. Wir genauso wenig.
Vielleicht liefern Mark Frosts Begleitromane „The Secret History of Twin Peaks“ und „The Final Dossier“ Erklärungen. Vielleicht ist es besser, sie nicht zu kennen. Den offenen Faden selbst fortzuspinnen, ihn im niemals erstarrenden Traumzustand zu wahren.
Wie derlei Wahnwitz entsteht, lassen Behind-the-Scenes-Aufnahmen erahnen. Lynch tritt als detailversessener Regisseur auf, der seinen Darsteller*innen pedantisch darlegt, was in seinem Kopf längst Form angenommen hat. Zugleich – das erklärt Lynch in Interviews – ist seine Kunst Prozess, meditatives Fischen im Unterbewusstsein. Nach konkreten Wurzeln fragen? Fruchtlos. Intention des Autors, Interpretation beim Sehen – zwei ganz eigene Dinge. „A film is like a book. Books get written, and the author may be passed away, so you can’t go talk to them and say: What did you mean?“ Ich hörte diese Worte von David Lynch am 2. Januar 2025. 14 Tage später war er tot, Opfer seiner Nikotinsucht und kalifornischer Waldbrände. Sein Werk bleibt.
Suzanne Lipsett: Surviving a Writer’s Life (Autobiographie, 1994)
Ich hadere weiterhin mit dem Schreiben. Doch ich gehe den Gründen nach. Die Frage, die ich an Podcasts, Artikel und Fachliteratur stelle, ist nicht Wie, sondern Warum. Wozu schreiben? Wieso die Mühsal, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort? Was hat man zu erzählen?
Auf Antworten, gewiss keine universellen, aber auf Antworten stieß ich per Zufall. In „The Munich Readery“, einem englischsprachigen Antiquariat mit Hund. Dort gibt es zwei Regalbretter zum Thema „Writing“. Darauf fand ich ein Taschenbuch, kleinformatig, in hübschem gold-grünem Cover. Der Titel: „Surviving a Writer’s Life“. Die erste Szene, eine Selbstdiagnose obsessiver Schreibleidenschaft („You mean that life is more than material for books?“), besiegelte den Deal. Am selben Abend begann ich zu lesen.
„Surviving a Writer’s Life“ ist kein reiner Schreibratgeber. Konkretes zu Stil, Plotstruktur, Charakterentwicklung? Fehlanzeige. Stattdessen findet man Erfahrungen aus der beruflichen Selbständigkeit, Gedanken zu Schreibanlass, -motivation, -hass und -liebe, eingebettet in einen autobiographischen Rahmen. Es ist eine Lebensgeschichte, in deren Mitte Texte blühen.
Ein wenig wie Stephen Kings „On Writing“. Nur ist Suzanne Lipsett, die Verfasserin des grünen Bändchens, keine weltberühmte Autorin. Ich kannte sie nicht, würde ansehnliche Summen verwetten, dass ihr nie von ihr gehört habt. Suzanne Lipsett lebte in Kalifornien, veröffentlichte etwa ein halbes Dutzend Bücher, starb 1996. Zeitlebens war sie sogenannte Midlist-Autorin, die gerade so von ihrem Handwerk leben konnte.
Lipsett war außerdem Weltenerkunderin in den um Freiheit ringenden 60ern. Überlebende mehrfacher Vergewaltigung. Arbeitende Mutter. Kämpferin gegen den Brustkrebs. Und eben zum Schreiben getrieben.
Ihr Bericht ist keine Märchenerzählung von der verträumten Poetin, die vom plötzlichen Funken inspiriert ihr Magnum Opus in Tinte setzt. Lipsett erzählt von der Prekarität eines Lebens an der Feder: die Notwendigkeit, sich durch Ghostwriting finanzielle Freiräume zu schaffen und damit die Leidenschaft fürs Wort zu verbrennen; die Schwierigkeit gewerkschaftlicher Vernetzung, wenn stets junge, leidenschaftlich-naive Konkurrenz nachwächst; der Stress eines Arbeitens ins Ungewisse, eben nicht durchs Mirakel des plötzlichen Bestsellers aufgebrochen.
Trotzdem: Man muss schreiben. Und Lipsett tut dies auf wunderschöne Weise, reiht nüchtern beschriebene Abgründe von Krankheit und Patriarchat an traumhafte Sequenzen, durch die Wale und Wüstensand treiben.
Manchmal ist das Buch nicht auf dem aktuellen Stand. Lipsetts amerikanisch-westlicher Blick auf andere Kulturen irritiert. Und inzwischen kennt der Buchmarkt – zwischen Superstars und Hobby-Schreibenden – kaum noch Midlister*innen.
Das Ringen mit dem Selbst, den Worten und der Welt bleibt aber zeitlos. Lipsett hadert, fragt nach dem Warum. Die Antworten, die sie im Lauf ihres zu kurzen Lebens fand, hat sie in Text gesetzt. Keine universellen, aber Antworten.
Tomm Moore/Nora Tworney: The Secret of Kells (Film, 2009)
Gute Geschichten, die wie zufällig in Vergangenen ankern, sind Gold wert. Durchs Fühlen regen sie an zum Mehrwissenwollen: lebendige Figuren statt toter Namen und Zahlen, menschliche Freuden und Leiden, ins Ideal der Dramatik gegossen, dennoch verankert im Historischen, oft nur dort erzählbar.
Ein solcher Film ist „The Secret of Kells“. 2009 brachte ihn das kleine irische Animationsstudio „Cartoon Saloon“ in die Kinos.
Wir reisen ins 9. Jahrhundert: Missionare haben das Christentum nach Irland gebracht. Im Kloster Kells wächst der junge Brendan auf. Sein Onkel, der Abt, errichtet Mauern, um einem befürchteten Wikingersturm zu trotzen. Eines Tages erreicht ein fremder Mönch Kells – in seinem Beutel: ein Buch.
Es folgen Generationen- und Interessenskonflikte, herzliche Freundschaften, traumhafte Sequenzen, gespeist aus der irischen Mythologie, eine Gesangseinlage, die nicht stört. „The Secret of Kells“ enthält an jeder Ecke historische Verweise: Das Kloster gab es wirklich, die Wikingerüberfälle, den geheimnisvollen Mitbruder genauso. Selbst dessen knuffige Katze Pangur Bán ist einem mittelalterlichen Gedicht entnommen. Dabei wirkt der Film nie belehrend, sondern webt die Grundstoffe organisch in seine Handlung ein.
Fixpunkt der Handlung ist die Kopialkunst: In mühseliger Arbeit vervielfältigten Mönche Texte auf Pergamentseiten – und versahen sie mit Verzierungen. Mittelalterliche Buchmalerei macht oft lachen, genauso oft staunen.
Der Animationsstil von „The Secret of Kells“ ist an eine solche Handschrift angelehnt, das „Book of Kells“, aus ebenjener Epoche, ebenjenem Kloster, in dem der Film angesiedelt ist. Figuren und Landschaft werden geometrisch stilisiert; der Bildschirm leuchtet in Gold und Grün.
So bezaubernde Bilder hat „Cartoon Saloon“ geschaffen, dass die Seiten der mittelalterlichen Vorlage im Vergleich blass wirken. Aber wenn sie im Abspann auftauchen, animiert und narrativ mit Bedeutung versehen, bricht sich eine Träne Bahn, angesichts dieser Wertschätzung, des Wiederauflebens eines Farbentanzes, den Menschen, deren Knochen vergangen, deren Geschichten verworren sind, mit Kunst und Herz vor hunderten Jahren schufen.
TL;DR: „The Secret of Kells“ ist ein Film über mittelalterliche Handschriften. Natürlich steht er auf meiner Liste!
Alt Shift X: All Tomorrows: the future of humanity? (Video, 2021)
Meinen YouTube-Konsum habe ich den letztjährigen Vorsätzen gemäß reduziert. Oder vielleicht eher fokussiert. Gewinnbringend sollen die Clips sein, die über meinen Laptop-Bildschirm flimmern, neue Sichten auf und Ausschnitte aus der Welt zeigen. Dem Genre Video-Essay bleibe ich verfallen. Zu diesem Zweck habe ich sogar ein Abo beim Streamingdienst Nebula abgeschlossen.
Besonders gerne darf es weird werden. Diesem Kriterium entspricht auch ein Video des YouTubers „Alt Shift X“, der sich hauptsächlich durch Analysen von „Game of Thrones“ hervorgetan hat. Es ist kein originärer Stoff, sondern eine bloße Nacherzählung. Grundlage ist das Buch „All Tomorrows“, geschrieben und illustriert vom türkischen Künstler C. M. Kösemen. Dieses Original von 2006 habe ich bis heute nicht gelesen; die 40-minütige Adaption aber wirkt seit Monaten nach.
„All Tomorrows“ erzählt die Zukunft der Menschheit. Nicht in Jahren, Jahrzehnten, Jahrtausenden, sondern in evolutionärem Maßstab. Menschen verlassen ihr Geburtshabitat, die Erde, werden durch neue Umwelten und äußere Einflüsse verändert. Das Ergebnis sind bizarre Wesen: Asteromorphs mit spindeldürren Gliedmaßen, angepasst ans Leben in Schwerelosigkeit; symbiontisch zusammengestückelte Modular People; den Fleischkörper überwindende intelligente Maschinen namens Gravitals.
Die Historien dieser menschlichen Nachfolger und ihrer galaktischen Nachbarvölker sind lang, verworren und dramatisch. Regelmäßig gerät man ins Schaudern, ins Sich-Ekeln, ins Schmunzeln. Die Erzählung lässt über den begrenzten Bewusstseinshorizont eines Menschenlebens hinausblicken. Sie zeigt: Selbst scheinbare Konstanten sind ewigem Wandel unterworfen, sobald man evolutionäre, geologische, astronomische Zeitebenen betritt. Und doch bleibt bis zum Ende eine gewisse Menschlichkeit erhalten.
Kösemans originale Illustration, die in die überzeitliche Odyssee saugen, begleitet im Video die Nacherzählung von Alt Shift X. Der bringt durch Skript und Stimme seinen eigenen Beitrag. Gewitzte Pointen stellen das Absurde im Narrativ heraus, ohne es ins Lächerliche zu ziehen, Auslassungen geben der Vorstellung Spielraum.
Das zeigt: Eine Geschichte besteht immer aus zwei Ebenen, dem Erzählten und der Präsentationsweise. Im Kern muss eine berührende, zum Nachdenken anregende Botschaft liegen, die Geschichtensaat. Doch nur gute Erzähler*innen können sie zum Sprießen bringen und die Ernte in Form einer Publikumsreaktion einfahren. Ob das Erzählte selbst erdacht oder angeeignet ist, spielt keine Rolle. Das aufzugreifen, was einen berührt, und es – zwangsläufig modifiziert – weiterzugeben, prägt menschliches Erzählen immerhin seit Urzeiten.
Guillermo del Toro: El laberinto del fauno (Film, 2006)
Schwer atmend liegt auf Steinen, in blauschwarzes Licht getaucht, ein schwarzhaariges Mädchen, dem Blut in die Nase fließt. Aus seiner Pupille eröffnet sich eine Erzählung: von einem unterirdischen Märchenreich und seiner princesa. So beginnt „Pans Labyrinth“ – nachdem der Fantasy-Film seinen historischen Rahmen per Textblende vorstellt: Das Jahr ist 1944, die spanischen Faschisten führen einen Vernichtungsfeldzug gegen verbliebene Partisan*innen. Dass ihre Terrorherrschaft andauern wird, wissen wir.
Der Einstieg ist Sinnbild fürs Ganze. Gebettet in die schwarze Historie, bedrückend und gewalttätig, liegt eine dunkelviolette Märchenerzählung, oft nicht weniger grausam, doch in wunderschöne Bilder getaucht, wo gute Taten belohnt werden und Monster monströs aussehen, nicht bloß so handeln.
Alles beginnt damit, dass unsere Heldin Ofelia mit ihrer schwangeren Mutter zum Stiefpapa auf ein Bauerngut im bewaldeten Norden Spaniens zieht. Stiefpapa ist dummerweise ein ranghoher Faschist, seine Aufgabe die Jagd auf guerrilleros. Ofelia will ihm trotzen, kann es mit ihren elf Jahren kaum. Sie flüchtet in die Ruinen unweit des Hofes, wo der titelgebende fauno/Pan haust, in die Wälder. In ihre Fantasie?
Die Frage, wie viel der Märchenelemente in Ofelias Kopf stattfinden, spielt keine Rolle. Beide Handlungsstränge weben sich ineinander: ihre Spannungsbögen, Motive, Charaktere. Der Traum nimmt die Wirklichkeit auf, überspitzt sie, kehrt ihre Wahrheit hervor, die abgründige wie die heldenhafte. Das Faunenmärchen schreit dem Faschismus eine Absage ins Gesicht und mahnt der Opfer, die Widerstand dem Individuum abverlangt, sobald sich ein Unrechtsystem etabliert hat.
All dies bindet Javier Navarretes Musik zusammen, die sich zart, mysteriös, bedrohlich um das „Lullaby“-Leitmotiv rankt. Die Tonfolge berührt mich tief, erst recht, seitdem das bittersüße Ende in meinen Erinnerungsschatz eingegangen ist.
Madeline Miller: Circe (Roman, 2018)
Lesen strengt an. Geistig wie physisch. Unsere Augen leisten Schwerstarbeit, Zeichen für Zeichen zu entziffern. Bei Kindern kann andauerndes Starren auf Nahdistanz Kurzsichtigkeit fördern. Stehen wir also vor der Wahl: blöd oder blind?
Nein, denn – frohlocket! – es gibt Hörbücher. Nachdem ich in Kindheitstagen ein glühender CD-Player-Nutzer war, ging mir der auditive Zugang verloren. Diesen Sommer habe ich ihn wiederentdeckt – durch das E-Medien-Angebot der Stadtbücherei München.
Für höchstens 20, oft 10 €/Jahr, stellt diese wunderbare Institution nicht nur ihre physischen Bestände zur Verfügung, sondern auch E-Books und digitale Hörbücher. Über die Apps Onleihe und Libby lassen sich deutsche wie englische Titel ausleihen. Anwohner*innen der Metropolregion München können das Angebot durch eine kostenlose Mitgliedschaft im eBook-Club des Amerikahauses erweitern.
Und gewiss, das Streaming verschlingt – wie bei Musik, noch extremer im Videoformat – Unmengen an Energie. Lokale Datenträger sind emissionsärmer, enthalten nur leider oft gekürzte Fassungen.
Was hat das mit Madeline Millers „Circe“ zu tun? Dieser Roman einer US-amerikanischen Altphilologin, die 2011 mit ihrem „Song of Achilles“ das Genre zeitgemäßer Sagenadaptionen wiederbelebt hat, versauerte als Taschenbuch schon geraume Zeit in meinem Bücherregal. Die Hörbuchversion, eindringlich gelesen von Perdita Weeks, war mein erster und bislang bester Libby-Fund.
In einer Vorstellungsrunde an der Uni habe ich das Buch vergeblich zu beschreiben versucht. Kreativ in seinen Neuinterpretationen sei es, irgendwie feministisch, im Zentrum stehe die Nymphe Circe. Was die Gute denn mache, wurde ich gefragt. Männer in Schweine verwandeln, wäre eine treffende Antwort gewesen, aber das macht sie erst später, und Schweine sind die sowieso.
Zu Anfang weilt Circe, eine neugeborene Göttin ohne erkennbare Mächte, im Palast ihres Vaters. Der heißt Helios, Sonnengott, und versengt seine Tochter seelisch wie körperlich. Circe muss den einengenden Familien-, Macht-, und Geschlechterstrukturen der Götterwelt entrinnen, sich und ihre Macht finden.
Ein Teil von mir fürchtete, dieses Emanzipationsnarrativ würde in eine anklagetriefende Predigt abdriften. Zu Unrecht: Gut-Böse-Schemata klingen an, werden aber stets aufgebrochen. Circe selbst ist bar Perfektion. Sie hadert mit sich, ihrem Verlangen, ihren Taten, ihrer Begabung, mit anderen.
Die Zauberin navigiert durch ein Netz einprägsamer Nebenfiguren. Deren Namen sind Mythen entnommen, Miller verleiht ihnen Motive, Kanten, Seele: Prometheus als Märtyrer und Mentor, Pasiphaë, die Mutter des Minotaurus, als Schwesterrivalin, deren Gehässigkeit erklärt, nicht entschuldigt wird, die Sippe des Odysseus.
Charakterdramen entspinnen sich, getragen von nahbarer, mal nüchterner, mal poetischer Prosa, zunächst ohne klaren Zielpunkt, aber reich an Entwicklungen. Mythische Erzählungen werden aufgegriffen, historische Bezüge eingebaut. Will man die zahlreichen Verstrickungen des Romans auf ein Thema herunterbrechen, ist es vielleicht Macht im Ungleichgewicht – zwischen Menschen und Göttern, Frauen und Männern, Adel und gemeinem Volk. Um dieses aufzubrechen, erfährt Circe, braucht es mehr als Zauberkunst.
Ehrennennungen
Schon letztes Jahr ist diese Kategorie zu einer Sammelgrube von Erzählperlen geworden, die nur knapp einen eigenen Listenplatz verpasst haben. „What Remains of Edith Finch“ hätte diesen rückblickend verdient – die Tränen hervorlockende Musik dieses Games, seine Figuren, Räume und Landschaften begleiten mich bis heute.
2025 ist besonders reich an Bonus-Filmen: Dieses Jahr entdeckte ich Studio Ghibli für mich, als Highlight blieb „Prinzessin Mononoke“ (1997) in Erinnerung. Alte Bekannte sind „Interstellar“ (2014) und „The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring” (Extended Version, 2002), die ich erstmals im Kino erleben durfte, wo sie ihre volle Wucht entfalteten. Unter den Neuerscheinungen trat der abgöttisch witzige „Hundreds of Beavers“ hervor.
Natürlich darf auch Unbekannteres, Skurriles, Vergessenes nicht fehlen. Zunächst zwei Klassiker, deren Namen zu selten auf Must-Watch-Listen auftauchen: „Amadeus“ (1984) ist ein wunderbares Musiker-Biopic und erfrischender Einblick in die Frühe Neuzeit; „Der dritte Mann“ (1949) ist Noir, ist Orson Welles, ist Nachkriegszeit, ist Wien. Zwei weitere Oden an Städte sind jüngeren Datums: „Paris, je t’aime“ (2006) wirft als Kurzfilmsammlung verschiedenste Schlaglichter auf die ville de l’amour; der unnötig unzugängliche „Palermo flüstert“ (2001) erzählt märchenhaft von Mafia und Mutterstadtliebe.
Wer mehr wunderschöne Animation braucht, kann sich auf die Suche nach dem Kurzfilm „L’Air de rien“ (2022) begeben. Wen es nach weiteren Lynch’schen Erkundungen des amerikanischen Hinterlandes gelüstet, der schaue „The Straight Story“ (1999) über einen Rentner-Rasenmäher-Roadtrip. Kleinstadt-Weirdness wartet im narrativen Podcast „Welcome to Night Vale“ (seit 2012), dessen erste 25 Episoden eine lose Einheit bilden.
Vier weitere Geschichten, quer übers Medienspektrum verteilt, fallen ins Horrorgenre: Im Vampirfilm „So finster die Nacht“ (2008) werden Genreklischees auf kindliche Protagonist*innen angewendet, trotzdem wird es im winterlich-düsteren Stockholm blutig. Eine Heimsuchung in Reykjavík setzt derweil Hildur Knútsdóttirs Kurzroman „The Night Guest“ (2024) in Szene, wobei Themen wie Familie, Geschlecht und Beziehungsdynamiken verhandelt werden. Um Ähnliches geht es in Stefan Dresslers Novelle „Das Fest der unschuldigen Kinder“ (2019), allerdings im Setting eines isolierten bayerischen Dorfes im 19. Jahrhundert. Regionale Folklore speist hier den Horror ebenso wie beim schweizerischen Schwarz-Weiß-Spiel „Mundaun“ (2021). Zum Schluss ein paar meiner liebsten Video-Essays, die zwar keine Geschichten im engeren Sinne sind, aber doch von Dingen – gewesenen wie erdachten – erzählen: Jacob Geller redet durch Videospiele über Gott und die Welt, ein besonderes Highlight ist „Fear of Dark“ (2025). Wendover veranschaulicht jene unsichtbare Logistik und Planungsprozesse, die unsere Welt am Laufen halten, etwa in „The World’s Most Useful Airport“ (2019). 100 Minuten unterhaltsamer wie lehrreicher Musikgeschichte bietet Lindsay Ellis’ „Ballad of John and Yoko“ (2023). Alle Videos sind auf YouTube verfügbar – die ungeschnittenen Versionen findet ihr auf Nebula.